in arbeit


Zentral für die „Flucht von der Arbeit zum Tun“* sind für uns Kooperation und Selbstbestimmung. Natürlich sind diese Begriffe vom neoliberalen Management längst vereinnahmt worden, aber natürlich war nie gemeint, dass die „festen Freien“ Entscheidungsgewalt und Produktionsmittel in die Hände bekommen.
Im Laufe unserer filmischen Recherche haben wir deshalb versucht, die Begriffe Kooperation und Selbstbestimmung zu präzisieren.

 

Teil 1: L’Abominable, Paris
Das erste Gespräch führten wir mit dem L’Abominable. Das L’Abominable ist ein kollektives Filmlabor, eine offene Werkstatt, in der Film entwickelt, bearbeitet, montiert und kopiert werden kann. Dafür hat das Laborkollektiv Maschinen instand gesetzt, die aufgrund der Digitalisierung in der Filmindustrie freigesetzt wurden. Das Labor ermöglicht es Filmemacher_innen, die Arbeit mit dem Material wieder selbst in die Hand zu nehmen und somit eine gewisse Autonomie im Produktionsprozess zu erlangen.
Das Gespräch behandelt den Aufbau einer offenen Struktur, Fragen der Selbstorganisation und der Arbeit jenseits von Verwertung. Die Bilder zeigen parallel zum Gespräch unseren Lernprozess von der Handentwicklung unseres 16mm Materials bis zur fertigen Kopie.

 

 


Teil 2: Coordination des Intermittents et Précaires Île de France, Paris
Für das zweite Gespräch trafen sich Mitglieder des l’Abominable und der Coordination des Intermittents et Précaires in Paris.
Seit den 60er Jahren gibt es in Frankreich eine spezielle Arbeitslosenversicherung für Film- und Theaterschaffende. Sie gewährleistet Techniker_innen wie Künstler_innen bei diskontinuierlicher Arbeit (Intermittence) ein Mindesteinkommen und die fortlaufende Zahlung von Sozialbeiträgen. Diese Versicherung dient traditionell dazu, die „Zwischenzeiten“ als Denk- und Recherchezeit zu nutzen oder unabhängige Projekte zu realisieren.
Als die Bedingungen für die Anerkennung als IntermittentE stark verschärft wurden, bildete sich mit der „Coordination des Intermittents et Précaires“ eine Vereinigung,
die nicht nur gegen die Beschneidung von Privilegien der „Kreativen“ anging, sondern die Lage aller prekär Beschäftigten zum Thema machte. Mit spektakulären Aktionen wie der Erstürmung der 8 Uhr-Nachrichten im französischen Fernsehen gelang es ihnen, eine breite Öffentlichkeit in die Diskussion über prekäre Arbeitsverhältnisse und mögliche Alternativen einzubeziehen.

 

 


Teil 3: Die Kooperativen Placido Rizzotto und Pio La Torre, Sizilien

Zwei Mitglieder der Coordination des Intermittents et Précaires sind für das nächste Treffen mit uns nach Sizilien gefahren. Mit zwei Agrargenossenschaften sprechen
sie über die Bedeutung der Kooperativen beim Aufbau einer legalen Wirtschaft und geregelter Arbeitsbedingungen als Gegenpol zu den mafiosen Strukturen, die die Wirtschaft und Gesellschaft Siziliens immer noch dominieren.
Beide Kooperativen wurden auf der Grundlage eines erst 1996 verabschiedeten Gesetzes gegründet, das die Nutzung der von Mafiamitgliedern konfiszierten Vermögen und Grundstücke durch soziale Kooperativen ermöglicht. Sie können die ihnen zugeteilten Böden auf 30 Jahre unentgeltlich nutzen, müssen aber in einem kulturell schwierigen Umfeld, in direkter Nachbarschaft zu Angehörigen der Mafia, arbeiten. Gleichzeitig muss es ihnen gelingen, betriebswirtschaftlich nach den Bedingungen des Weltmarktes für landwirtschaftliche Erzeugnisse zu bestehen.
In einem parallel geführten Interview erfährt man etwas über die lange und harte Geschichte des Kampfes gegen die Mafia, in dem Kooperativen als Gegenbündnis zu Großgrundbesitzern, Staat und Mafia eine wichtige Rolle spielten.

 

 

 

Ausblick

In den folgenden Teilen der Interviewkette wird es um Sozialkooperativen in Italien gehen, um demokratische Selbstorganisation in einer Freien Schule, den Schritt von der Gruppe zum Netzwerk, den Versuch, aus einem unabhängigen Zeitungsprojekt eine kritische Bewegung aufzubauen und um ein Kollektiv von Sans Papiers.

 

Statement

Als wir mit der Recherche zu „in arbeit“ begannen, wurde die Öffentlichkeit gerade auf eine kommende Krise vorbereitet. Es kamen Subprime-, Banken- und Schuldenkrise und inzwischen haben wir uns daran gewöhnt, Krise nicht mehr als Ausnahmezustand zu denken, sondern als permanente Drohkulisse zur Durchsetzung ökonomischer Imperative.

Mit „in arbeit“ haben wir nach Alternativen gesucht, nach praktischen Erfahrungen mit kooperativem Handeln und dem Wissen, das in unzähligen Projekten jenseits der Profitideologie täglich gesammelt wird.

Wir wollten von unserer Situation ausgehen, dem Leben als prekäre Selbständige in einem Kosmos aus unterfinanzierten Projekten und Jobs auf Zeit, und wissen, wie es gelingen kann, dass sich die atomisierten Unternehmer_innen ihrer selbst zusammentun: Um die Produktionsmittel selbst in die Hand zu nehmen, um für die eigenen Rechte einzutreten, um Unternehmen nach solidarischen Prinzipien aufzubauen.

Uns war es wichtig, einen direkten Austausch zwischen den Gruppen zu ermöglichen und dabei die Perspektive zu wechseln: Die Befragten führen das jeweils nächste Gespräch. Dabei entwickelt sich jedes Mal eine eigene und unvorhersehbare Dynamik, die die konventionelle Vorstellung von Autorenschaft unterläuft.

Kollektive in verschiedenen Ländern Europas zu treffen, hieß auch, die Situation in diesen Ländern in Vergleich zu setzen. Wer käme in Deutschland darauf, eine live-Sendung im Fernsehen zu besetzen, zum Beispiel die 8-Uhr-Nachrichten? Wäre es ein nachahmenswertes Beispiel, wie in Italien, illegal erworbene Vermögen in Milliardenhöhe zu enteignen, um sie dann sozialen Projekten zur Verfügung zu stellen?

 



* aus John Holloway: “Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen“